Experten-Interview: Solar-Ladestationen für Elektroautos

Mobilität der Zukunft

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Sebastian Bachmann, Geschäftsführer von Belectric Drive (Kolitzheim). © Foto: Belectric Drive

Eine ganze Region macht "solarmobil": Mobilitätsexperte Sebastian Bachmann im Interview.

Die Zukunft gehört den Elektroautos. Klimaneutrale Fortbewegung ist das Ziel, "Zero-Emission" das neue Schlagwort der Autoindustrie. Tatsächlich könnte die neue Kfz-Generation das Klima aber zusätzlich belasten: Dem Strombedarf der neuen Elektroflotten steht kein entsprechender Ausbau der erneuerbaren Energien gegenüber.

 

Anders in der "Modellregion Unterfranken": Hier testen Solar-Energie-Experten ein Elektro-Mobilitätskonzept, das tatsächlich null Emissionen verspricht. Das Herzstück bildet die Firma Belectric Drive. Wir haben Geschäftsführer Sebastian Bachmann gefragt, wie er CO2-neutrale Mobilität realisieren will.

 

energiesparen-im-haushalt:
Herr Bachmann, warum fahren Sie ein Elektroauto?

 

Sebastian Bachmann:
Belectric Drive verfügt derzeit über eine der größten E-Fahrzeugflotten in Deutschland. Eines dieser Fahrzeuge fahre ich. Ich möchte keinen Benziner mehr. Stellen Sie sich bitte einmal vor: Das eine Megawatt Leistung, das bei uns in Kolitzheim installiert ist, kann mehr als 270 Elektrofahrzeuge mit Sonnenstrom versorgen - wenn jedes Fahrzeug durchschnittlich ca. 50 km pro Tag bewegt wird.

 

Die Effizienz von Elektromotoren liegt bei 80-90 %, die von Benzinmotoren nur bei 20-30 %! Benzinmotoren sind im Grunde fahrende Heizungen.

 

energiesparen-im-haushalt:
Ihre Firma bildet quasi das Herzstück der „Modellregion Unterfranken“. Können Sie uns erklären, welches Experiment Sie und Ihre Kooperationspartner hier gerade durchführen?


Sebastian Bachmann:
Sicher: Wir möchten wissen, wie effizient sich Sonnenstrom in Autos bringen lässt. Das testen wir gerade. Die Mobilität der Zukunft muss mit regenerativen Energiequellen verknüpft werden – Sonnenstrom eignet sich dafür besonders gut: Photovoltaikanlagen sind zum Einen sehr kleinteilig. Schon kleine Anlagen arbeiten effizient.

 

Zum Anderen lässt sich damit eine große Nähe von Erzeugung und Verbrauch erreichen. Wenn etwa ein Modul auf dem Dach eines Car-Ports Strom erzeugen würde, den ein dort geparktes Auto direkt tanken kann, hätten Sie praktisch keine Transportverluste mehr.


energiesparen-im-haushalt:
Wie sieht Ihr Test in der Praxis aus?

 

Sebastian Bachmann:
Wir, also Belectric Drive, vermieten insgesamt über 60 Elektroautos an Privatleute und Firmenmitarbeiter in der Region. Unsere Kunden können heute schon mit Sonnenstrom fahren – mit nahzu null Gramm Schadstoff-Ausstoß!

 

Dafür haben unsere Partnerfirmen ausreichend Photovoltaikanlagen in der Region installiert. Die Autos zu vermieten ist aber nicht unser Kerngebiet. Wir haben eine Ladeinfrastruktur entwickelt, mit der wir den Prozess des Aufladens steuern können. Sie besteht aus sicheren Hochspannungsboxen zum „Tanken“, stationären Sonnenenergie-Speichern und einer elektronischen Steuerung.


energiesparen-im-haushalt:

Da kann einfach ein Unternehmen kommen und sagen, wir stellen jetzt mal ein paar Ladeboxen auf…?

 

Sebastian Bachmann:
Ja, jedes Unternehmen kann unsere Ladeboxen mieten. Zunächst konzentrieren wir uns aber auf die Region Unterfranken. Die Steuerung entwickeln wir mit den regionalen Energieversorgern. Sie dient einerseits zur Abrechnung des getankten Stroms. Andererseits erlaubt sie, die Ladephasen auf jene Stunden abzustimmen, in denen gerade ausreichend Sonnenstrom anfällt. Unser Ziel: Durch eine intelligente Lade-Infrastruktur Elektrofahrzeuge als dezentrale Energiespeicher nutzbar zu machen – die ersten Schritte sind bereits getan.

 

energiesparen-im-haushalt:
Die ersten Schritte? Modellversuche mit Elektrotankstellen laufen in Deutschland doch schon länger!

 

Sebastian Bachmann:
Uns sollte man nicht mit anderen Anbietern in einen Topf werfen. Ihre Ladestationen werden in der Regel auch über Kohle- und Atomstrom versorgt. Außerdem geht es bei diesen Versuchen häufig darum, eigene Standards durchzudrücken. Wir haben dagegen ein offenes System entwickelt: Unsere Ladeboxen sind mit ganz normalen Steckdosen ausgestattet, die theoretisch jeder nutzen kann, nicht nur unsere Kunden.

 

Bei Volkswagen und Mercedes läuft gerade die Serienproduktion von Elektroautos an. Wenn diese bezahlbaren Modelle in zwei, drei Jahren auf den Markt kommen, werden die Menschen in der Region das zu schätzen wissen. Unsere Ladeboxen funktionieren heute schon, sind aber problemlos an die künftigen Normen für Elektroautos anzupassen.


energiesparen-im-haushalt:

Wo und wann können Ihre Kunden denn überall Sonnenstrom tanken?


Sebastian Bachmann:

Bislang haben die meisten Mieter unserer Fahrzeuge einfach an irgendeiner Steckdose getankt, dazu sage ich Ihnen gleich noch mehr. Mit unseren Ladeboxen sind wir erst kürzlich auf dem Markt. Sie müssen sich das so vorstellen: Eine Firma, zum Beispiel ein Krankenhaus, beschäftigt viele Mitarbeiter, die mit Elektroautos zur Arbeit kommen.

 

Also bestellt das Krankenhaus für seinen Mitarbeiterparkplatz bei uns mehrere Ladeboxen, genau genommen die gesamte Ladeinfrastruktur. Die Mitarbeiter schließen morgens ihr Auto an und koppeln es nach der Arbeit mit frisch geladenem Akku wieder ab. Für sie ist das ein toller Service, für die Region ein Schritt in Richtung rein regenerative Energieversorgung.


energiesparen-im-haushalt:

Könnten Sie das näher erläutern?

 

Sebastian Bachmann:
E-Fahrzeuge von Pendlern sind dezentrale, signifikante Energiespeicher für regnerative Enerigen: In der Regel werden diese nur morgens und abends genutzt. Die meisten Autos haben Standzeiten von mehr als 20 Stunden pro Tag – genug Zeit, um den Sonnenstrom in die Fahrzeugbatterien zu bringen.

 

In Zukunft kann bei Bedarf auch kurzfristig Strom aus den Fahrzeugen entnommen werden, um lokale Lastspitzen abzufedern – natürlich darf damit die Bewegungsfreiheit des Nutzers nicht eingeschränkt werden. So wird Sonnenstrom zuverlässig nutzbar sein.

 

energiesparen-im-haushalt:
Und er reicht jederzeit für alle E-Fahrzeuge auf dem Parkplatz?


Sebastian Bachmann:
Da sind wir beim Begriff „Lastenmanagement“: Wir entwickeln gerade ein System, bei dem der Kunde direkt an der Ladebox seine Standzeit eingeben kann. Die „intelligente“ Box stimmt dann die Ladephasen der angeschlossenen Autos, also die Stromlast, auf die gerade vorhandene Menge an Sonnenstrom ab.

 

In Kolitzheim erproben wir dieses „kW-Management-System“ bereits mit einigen Boxen. Die nächsten werden bei unseren Kooperationspartnern, regionalen Energieversorgern, installiert. Sie haben großes Interesse an diesem Praxistest – schließlich werden sie eines Tages auch für die Abrechnung des Stroms und für das Lastenmanagement verantwortlich sein.


energiesparen-im-haushalt:
Wollen Sie damit sagen, dass Ihre einzigen Kunden Ihre Kooperationspartner sind?


Sebastian Bachmann:
(lacht) Nein, natürlich nicht. Wir vermieten unsere E-Fahrzeuge und nun auch die Ladeboxen an alle Interessenten in der Region. Unser Kundenstamm reicht von Unternehmen bis zu Angestellten und Privatpersonen. Sehen Sie mal: Unsere Fahrzeuge haben eine Reichweite von rund 70-90 Kilometern und fahren bis zu 90 km/h.

 

Damit sind sie ideal für Pendler und über 90 % aller Fahrten im Alltag. Wir schließen langfristige Mietverträge inklusive Wartung, Steuern und Versicherung ab. Bei Stromkosten von 3-4 € je 100 Kilometer lohnt sich die Sache. Zudem können wir unsere Mietverträge günstig anbieten: Unsere Fahrzeuge enthalten keine teuren Lithium-Ionen-Akkus, sondern konventionelle Batterien. Für größere Reichweiten können wir sie mit Lithium-Akkus aufrüsten.

 

Deshalb schauen wir uns das Bewegungsprofil unserer Kunden sehr genau an, bevor wir einen Vertrag machen. Wie bereits erwähnt, können die Kunden an jeder Steckdose ihr Fahrzeug aufladen. Eine komplette Ladung dauert sechs bis acht Stunden.


energiesparen-im-haushalt:
Beim aktuellen Strommix tanken Ihre Kunden also zu 84 Prozent Atom- oder Kohlestrom?


Sebastian Bachmann:
Nicht direkt, eben darin unterscheiden wir uns von zum Beispiel von anderen Anbietern. Für unsere E-Flotte wurden von unseren Partnerfirmen zusätzliche Photovoltaikanlagen installiert. Ihr Strom fließt mit Vorrang ins regionale Netz und wird auch dort verbraucht.

 

Damit erreichen wir, dass die Rechnung aufgeht, also die verbrauchte Menge Strom unserer Flotte garantiert durch unseren PV-Strom abgedeckt wird. Wenn jemand an unseren Ladeboxen lädt, stammt der Strom sogar unmittelbar von der Sonne – weil sich die Ladebox direkt aus der PV-Anlage oder aus unseren stationären Batteriespeichern bedient, die wiederum regional gewonnenen Sonnenstrom enthalten.


energiesparen-im-haushalt:

Kann eine durchschnittlich große Solaranlage auf dem Hausdach ein Auto mitversorgen?


Sebastian Bachmann:
Ja, problemlos. Schon 3 kWp sind ausreichend für 15.000 km elektrische Mobilität pro Jahr. Das Problem ist eher, an die passenden Fahrzeuge zu kommen. Die meisten Hersteller sind einfach noch nicht so weit. Unsere Flotte stammt zum Beispiel aus einer französischen Sonderserie.


energiesparen-im-haushalt:
Was sagen Sie zur Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke?


Sebastian Bachmann:
Ich möchte es mal so sagen: Unsere Firma ist davon nicht unmittelbar betroffen. Aber mittel- und langfristig wird der Ausbau der erneuerbaren Energien durch die Laufzeitverlängerung behindert. Atomstrom von wenigen Produzenten schränkt den Wettbewerb an den Strombörsen ein, weil die Marktmacht der großen Energiekonzerne erhalten bleibt.

 

Es ist ja heute schon so, dass etwa Windkraftwerke bei Überproduktion vom Netz genommen werden. Wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien also weitergehen soll, bekommen wir durch die Laufzeitverlängerung Probleme.


energiesparen-im-haushalt:
Herr Bachmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Köln, 29.09.2010

 

 

 

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